Unterwegs für die Forschung: Das Team von Prof. Günster nach erfolgreich absolviertem Parabelflug.
Clausthaler Forscher bereiten Experimente in der Schwerelosigkeit vor.
Prof. Günster zeigt sich auch auf der aktuellen Plakatkampagne in "schwereloser" Pose.
Herausforderung beim Fotoshooting: die Simulation von Schwerelosigkeit.

Jens Günster

TU Clausthal und Bundesanstalt für Material­forschung und -prüfung (Berlin)

Professor seit 2010

Forschergeist

Von der TU Clausthal in die Schwerelosigkeit

Die Arbeitsorte von Professor Jens Günster – Clausthal-Zellerfeld und Berlin – liegen ca. 560 bzw. nur 120 Meter über Null. Für sein Forschungsprojekt verließ der promovierte Physiker aber diese Komfortzonen und begab sich in 4000 Meter Höhe: Während verschiedener Parabelflüge untersuchten er und sein Team die sogenannte pulverbasierte additive Fertigung in der Schwerelosigkeit. Was erst einmal nüchtern klingt, stellt auf technischer und physischer Ebene eine große Herausforderung dar. Ziel war es, mittels eines speziell angefertigten 3D-Druckers Werkzeuge unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit herzustellen. Insgesamt führten die Wissenschaftler dazu an vier Tagen 124 Parabelflüge durch. Die Schwerelosigkeit dauerte jeweils nur 22 Sekunden – eine extrem kurze Zeitspanne, in der alles passen muss.

Forschung als technische und physische Herausforderung

Da sind z. B. die körperlichen Belastungen einer solchen Mission: Bei „Nicht-Astronauten“ bedeutet es eine enorme Arbeit für das Gleichgewichtssystem. Andererseits wusste man bislang nur in der Theorie, wie die eigens erbaute 3D-Druck-Anlage unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit funktionieren würde. Hinzu kamen die hohen Sicherheitsanforderungen im Flugzeug: Nichts durfte aus der Anlage heraustreten und anstelle des sonst verwendeten metallischen Pulvers musste man auf keramisches umsteigen, um keine Explosionsgefahr zu erzeugen. Allen Widrigkeiten zum Trotz waren die Experimente ein voller Erfolg. Die positiven Ergebnisse sind ein großer Fortschritt für die Weltraumforschung: Astronauten soll es mit diesem Verfahren möglich sein, z. B. Schraubenschlüssel an Bord selbst herzustellen. „Wir werden noch einmal im März 2018 in den Airbus steigen, um den Prozess noch etwas zu perfektionieren – aber im Großen und Ganzen waren wir über den Ausgang überglücklich“, erzählt Jens Günster, der – ist er nicht gerade in der Luft – als Professor für Hochleistungskeramik an der TU Clausthal und bei der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) in Berlin tätig ist. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum sind die drei Institutionen Pioniere im Bereich 3D-Druck in der Schwerelosigkeit.

Vom Physiker zum Experten für Hochleistungskeramik

Dass Professor Günster einmal zu den wenigen Menschen zählen wird, die aus Forschungszwecken diesen besonderen Bewegungszustand erleben dürfen, war nicht abzusehen. Begonnen hat alles mit einem klassischen Physikstudium an der TU Clausthal, welches dann schließlich in einer Promotion mündete. Sein Weg führte ihn dann als Nachwuchswissenschaftler für zweieinhalb Jahre nach Japan und in die USA. Nach seiner Habilitation am Institut für Nichtmetallische Werkstoffe in 2002 zog es ihn als Werkstoffspezialisten der Oerlikon AG in die Schweiz, bevor er dann gemeinsam von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung sowie der TU Clausthal zum Professor im Bereich Hochleistungskeramik ernannt wurde. „Diese Konstellation fühlte sich an wie ein Geschenk“, berichtet Jens Günster, denn er schätzt die Kombination aus Lehrtätigkeit und Forschung. Es macht ihm großen Spaß seine Studenten und Doktoranden mit seiner eigenen Begeisterung für die Forschung anzustecken. „Mit den jungen Leuten zusammenzuarbeiten ist wirklich sehr motivierend und es entsteht oftmals ein Schmelztiegel der Ideen.“

Der Spirit von Clausthal bringt alle zusammen

Das Pendeln zwischen den beiden Städten ist schon etwas anstrengend, aber Professor Günster weiß auch die Vorteile zu schätzen. In Clausthal findet er diesen speziellen „Spirit“ faszinierend. Beinahe überall auf der Welt würde man auf Menschen treffen, die hier einmal studiert haben. Unterhält man sich dann mit ihnen, entsteht eine ganz besondere Verbindung. Orte, Straßen, Erlebnisse werden gemeinsam erinnert und schaffen noch nachträglich ein Gemeinschaftsgefühl. „Also ich würde Clausthal als ein großes Team bezeichnen“, fasst es der gebürtige Mecklenburger zusammen. So nimmt er auch jetzt seine derzeitige Lehrtätigkeit wahr. Das Verhältnis zu den Studenten ist persönlich, man kennt sich und ebenso die Stärken und Schwächen des Einzelnen. Besonders wichtig ist ihm eine Kommunikation auf Augenhöhe, bei der dann hierarchische Strukturen in den Hintergrund treten.

Pendeln als Lebensentwurf

Obwohl Jens Günster mehr in Berlin als in Clausthal ist, bezeichnet er die Stadt im Harz als seinen Lebensmittelpunkt. Für ihn kam auch nie in Frage, in die umliegenden Städte wie Goslar oder Osterode zu ziehen. Er findet, Clausthal sollte man „voll und ganz“ erleben. Seine Familie kann sich sowieso nicht mehr vorstellen, von hier wegzugehen. Für ihn sind beide Städte auf ihre Art besonders und gerade die Kombination macht den Reiz: „Ich bin ein bisschen schwermütig, wenn ich einige Tage hier war und nach Berlin muss. Andersherum ist es aber genauso“, scherzt Jens Günster. Vielleicht ist es gerade diese Mischung, die ihn als Forscher, Wissenschaftler und Familienmensch immer wieder antreibt und inspiriert.....

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